Habituelle Aborte

Fehlgeburten (Aborte) sind Schwangerschaften, die vorzeitig enden, bevor das Kind lebensfähig ist. Von wiederholten Fehlbeburten (habituellen Aborten) spricht man, wenn eine Frau mit demselbem Partner mindestens drei Fehlgeburten hintereinander erlitten hat. Fehlgeburten komen häufig vor. Man schätzt, dass ca. 20 Prozent aller nachgewiesenen Schwangerschaften als Fehlgeburten enden. Noch häufiger sind präklinische Fehlgeburten, wenn die Schwangerschaft schon vor der Monatsblutung "abgeht" und deshallb nicht bemwerkt wird. Wenn eine Frau bereits eine Fehlgeburt hatte, sind weitere Fehlgeburten häufiger als bei Frauen ohne vorangegangene Fehlgeburten. Als Ursachen für wiederholte Fehlgeburten können in Frage kommen: 

  • Anomalien der Gebärmutter
  • Genetische Störungen
  • Hormonelle Störungen
  • Störungen der Blutgerinnung
  • Immunologische Störungen

 

Anomalien der Gebärmutter

Es gibt angeborene und erworbene Anomalien der Gebärmutter.  Nach heutigen Erkenntnissen  kann von Frauen mit habituellen Aborten jede Vierte betroffen sein. Angeborene Fehlbildungen der Gebärmutter sind Trennwände (Septen) in der Gebärmutterhöhle oder eine doppelte Anlage des Gebärmutterkörpers (Uterus bicornis). Zu den erworbenen Veränderungen gehören Verwach-sungen  (Adhäsionen) in der Gebärmutterhöhle und gutartige Tumoren der Gebärmuttermuskulatur (Myome). Die genannten Veränderungen können chirurgisch entfernt werden. Nach der Operation sinkt die Fehlgeburtsrate deutlich ab. Weil bei der Entfernung von Myomen die Gebärmutterwand aufgeschnitten wird und Narben entstehen, muss die Entbindung meist mit einem Kaiserschnitt erfolgen, um die Gebärmutter nicht mit heftigen Wehen zu belasten. 

 

Genetisch bedingte Fehlgeburten

Das Erbgut des Menschen, die Gene befinden sich in den  Chromosomen. Chromosomen kann man unter dem Mikroskop sehen, wenn man die Körperzellen in einer Zellteilung anfärbt und unter dem Mikroskop betrachtet. Jeder Mensch hat 23 Chromosomen, und von jedem Chromosom ein Paar, also insgesamt 46 Chromosomen. Von jedem Paar Chromosomen wurde das eine von der Mutter und das andere vom Vater vererbt. Wenn die Anzahl der Chromosomen verändert ist, kommt es meist zur Fehlgeburt. Diese Veränderungen treten meist ohne erkennbaren Grund auf. Deshalb ist das Wiederholungsrisiko gering. Die bekannteste Störung in der Chromosomenzahl ist die Trisomie 21, das Down-Syndrom, auch „Mongolismus“ genannt, bei der das 21. Chromosom dreimal vorkommt. Das Risiko dieser Erkrankung steigt in Abhängigkeit vom Alter der Mutter deutlich an.

Ein anderer Grund für genetisch bedingte Fehlgeburten sind Translokationen im Erbgut der Eltern. Die Erbanlagen bezeichnet man als Gene. Jeder Mensch hat für die genetische festgelegten Eigenschaften zwei Gene, von denen oft nur eines benutzt wird. Aber beide Gene müssen vor-handen sein. Bei einer Translokation sind einzelne Gene von einem Chromosom auf ein anderes verschoben. Für das betroffene Elternteil hat das keine Konsequenzen, weil beide Chromosomen vorhanden sind. Für die Bildung von Eizellen bzw. Samenzellen wird der Chromosomensatz halbiert. Bei Translokationen kann das verschobene Gen in der Eizelle bzw. Samenzelle entweder fehlen oder zweimal vorhanden sein, was zu einer Fehlgeburt führt. Bei ca. acht Prozent aller Paare mit habituellen Aborten liegen genetische Störungen vor. Das sind sechsmal so häufig wie in der Normalbevölkerung.  Deshalb ist bei wiederholten Fehlgeburten eine Untersuchung des Erbguts beider Elternteile und eine humangenetische Beratung erforderlich.

 

Hormonelle Störungen

Bei hormonellen Störungen ist bereits die Chance auf eine Schwangerschaft geringer als bei gesunden Elternpaaren. Das PCO-Syndrom der Frau (Syndrom polyzystischer Ovarien) ist eine häufige Ursache für unerfüllten Kinderwunsch. Beim PCO-Syndrom sind die männlichen Hormone im Blut der Frau erhöht und die Eierstöcke arbeiten nicht korrekt, sondern bilden viele kleine Zysten. Das PCO-Syndrom ist häufig verbunden mit Übergewicht und außerdem mit einer Resistenz des Organismus gegen das Hormon Insulin. Bei der Kombination aus PCO-Syndrom, Übergewicht und Insulinresistenz ist nicht nur die Chance reduziert, schwanger zu werden. Auch das Fehlgeburts-risiko ist erhöht. In diesen Fällen muss das Übergewicht reduziert und die Störung im Insulin-haushalt behandelt werden. Auch ein Diabetes mellitus, die „Zuckerkrankheit“ wird mit Insulin behandelt. Ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus ist ebenfalls eine Ursache für Fehlgeburten.

Außerdem vermutet man ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko bei Frauen, die an einer Schilddrüsen-funktionsstörung leiden. Sowohl eine Schilddrüsenüberfunktion als auch eine Schilddrüsen-unterfunktion können ein Risiko für Fehlgeburten sein. Auch erhöhte Prolaktinspiegel können mit einem erhöhten Fehlgeburtsrisiko einhergehen.

Für das Eintreten einer Schwangerschaft ist ein funktionierender Zyklus der Frau mit einem funktionierenden Gelbkörper erforderlich. In den ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft wird  Gelbkörperhormon für den Erhalt der Schwangerschaft benötigt. Die Bildung von Gelbkör-perhormon erfolgt im Gelbkörper im Eierstock. Nach und nach wird diese Funktion von der sich entwickelnden Plazenta übernommen. Eine Gelbkörperschwäche kann eine Ursache für Fehl-geburten sein. Blutungen in der Frühschwangerschaft werden mit Bettruhe und mit Gelbkörper-hormon behandelt. Frauen, die mit einer Hormonbehandlung schwanger wurden, benötigen vermehrt Gelbkörperhormon und erhalten es in Form von Scheidenzäpfchen oder Scheidengel bis in die zwölfte Schwangerschaftswoche.

 

Störungen der Blutgerinnung

Bei Frauen mit Blutgerinnungsstörungen und Thromboseneigung treten Fehlgeburten häufiger auf. Möglicherweise sind Durchblutungsstörungen in der Gebärmutter nach Einnistung der Eizelle die Ursache für die gehäuften Fehlgeburten. Am häufigsten betroffen von angeborenen Veränderun-gen (Mutationen) sind die Gerinnungsfaktoren V und II.  Beide Gerinnungsfaktoren können durch molekulargenetische Untersuchungen im Blut bestimmt werden.  

Die Veränderung des Faktor V wurde in der Stadt Leiden entdeckt und wird als Faktor V Leiden-Mutation bezeichnet. Die Faktor V Mutation kommt bei 5 Prozent der europäischen Bevölkerung vor und bedeutet ein erhöhtes Risiko auf die Bildung von Blutgerinnseln, die ein Blutgefäß verstopfen können (Thrombose). Wenn die Mutation nur auf einem der beiden Gene einer Person vorliegt (heterozygot), erhöht sich für die betroffene Person das Risiko  für eine Thrombose auf das 5 bis 10fache der Normalbevölkerung. Sind beide Gene betroffen (homozygot), dann steigt das Risiko einer Thrombose  auf das 100fache. Die Auswirkungen einer Faktor V– Mutation auf eine Schwangerschaft und auf das Fehlgeburtsrisiko werden von den Experten unterschiedlich beurteilt. Über Fehlgeburtsraten bis zu 50 Prozent wird berichtet.

Auch das Gen, das den Gerinnungsfaktor II (Prothrombin) vererbt, kann durch Mutationen verändert werden. Bei den betroffenen Personen treten Thrombosen dreimal so häufig auf wie in der Normalbevölkerung.  Bei den betroffenen Personen kommen Fehlgeburten häufiger vor.

Als Behandlung dieser angeborenen Blutgerinnungsstörungen wird die Gabe gerinnungshemmen-den Medikamenten diskutiert. In der Regel werden geringe Dosen von Acetylsalicylsäure (Aspirin, ASS) dazu verwendet.  Weil im Verlauf der Schwangerschaft das Thromboserisiko ansteigt, wird im letzten Drittel der Schwangerschaft oft zusätzlich Heparin gegeben, das die Blutgerinnung ebenfalls reduziert.

 

Immunologische Ursachen

Man nimmt heute an, dass Störungen im Immunsystem der Mutter zu Abstoßungsreaktionen an der Plazenta führen. Das Kind wird dann nicht mehr versorgt und es kommt zu einer Fehlgeburt. Grundlage dieser Vermutung sind Beobachtungen, dass bei Patientinnen mit habituellen Aborten vermehrt Autoimmunantikörper gefunden werden. Autoimmunantikörper sind Antikörper im Blut der Mutter, die sich gegen eigenes Gewebe richten. Eine bekannte Autoimmunerkrankung bei jungen Frauen ist der Lupus erythematodes. Bei Frauen mit dieser Erkrankung kommen habituelle Aborte häufiger vor. Frauen mit Lupus erythematodes haben Antiphospholipid-Antikörper, die körpereigenes Gewebe angreifen. Diese Antiphospholipidantikörper sind bei Frauen mit normalen Schwangerschaften selten, kommen aber bei bis zu 50 Prozent aller Frauen mit habituellen Aborten vor, ohne dass die betroffenen Frauen an den Symptomen eines Lupus erythematodes leiden. Die betroffenen Frauen haben ein erhöhtes Risiko eine Thrombose zu erleiden. Bei Frauen  mit habituellen Aborten bestimmt man deshalb Antiphospholipid-Antikörper und Lupus-Antikoagu-lans. Ohne Behandlung haben die betroffenen Frauen ein Risiko von bis zu 80 Prozent, auch die nächste Schwangerschaft zu verlieren. Als Behandlung werden Acetylsalicylsäure (Aspirin, ASS) 100 mg pro Tag und /oder Heparin zu Reduktion der Blutgerinnung eingesetzt. Unter dieser Behandlung konnte eine Rate von lebend geborenen Kindern von 74 bis 88 Prozent erreicht werden.  

 

Zusammenfassung: In den letzten Jahren haben sich die Chancen für Frauen mit habituellen Aborten deutlich verbessert.  Auch Frauen mit drei und mehr Fehlgeburten haben heute eine Chance von 70 Prozent, in der nächsten Schwangerschaft ein gesundes Kind zu bekommen.

 

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